Unter der Moderation von DOM-Chefredakteur Christian Schlichter setzten sich sechs Pflegefachleute aus den Bereichen Krankenhaus, Altenpflege, Psychiatrie und Ausbildung, sowie ein internistischer Chefarzt kritisch mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Berufsbildes auseinander.
„Pflege tut gut!“ Diesem Motto der Image-Kampagne der BBT-Gruppe konnte dann auch noch jeder Teilnehmer zustimmen. Roswitha Kuhlbrock, die als gelernte Krankenschwester eine interdisziplinäre Station im Brüderkrankenhaus St. Josef leitet, befand sogar, dass der Pflegeberuf auch ihr selbst trotz wachsender Anforderungen immer noch „gut tue“ und sie ihn gerne ausübe. Doch die Rahmenbedingungen müssten dringend verbessert werden, darin ging sie mit ihrem Vorgesetzten, Klaus Niggemann, Pflegedirektor im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn und im St.-Marien-Hospital Marsberg d’accord. Dass diese Anpassung der Rahmenbedingungen aber nicht nur von außen erfolgen könne, sondern die gesamte Berufsgruppe der Pflege selber auch aus der Inflexibilität der Vergangenheit ausbrechen und sich für die Zukunft rüsten müsse, um den durch knappe Kassen im Gesundheitsbudget und demographischen Wandel hervorgerufenen großen Umbrüchen zu begegnen, forderte Prof. Dr. Wolfgang Petermann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Brüderkrankenhaus St. Josef und ehemaliger Ärztlicher Direktor.
Qualifiziert und selbstbewusst in die Zukunft
Einvernehmen herrschte wieder darin, dass Erstausbildung, Weiterqualifizierung und damit einhergehend eine leistungsbezogene Bezahlung die Antworten auf die großen Zukunftsfragen seien. Matthias Hansjürgens, Leiter der Krankenpflegeschule am Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn, stellte in dem Zusammenhang den neuen dualen Bachelor-Studiengang in Kooperation mit der Hamburger Fernhochschule vor. Gab es vor zwanzig Jahren nur den klassischen Weg der dreijährigen Kranken- oder Altenpflegeausbildung, so tummeln sich heute von der Hilfskraft bis zum promovierten Pflegemanager alle Ausbildungsniveaus auf dem Pflegemarkt. Die Möglichkeit zur Weiterqualifizierung sei extrem wichtig, um in Konkurrenz mit anderen Berufen für den potentiellen Nachwuchs attraktiv zu bleiben. Galt früher die mittlere Reife als der klassische Zugang, so besäße derzeit das Gros der Bewerber Hochschulreife. Brigitte von Germeten-Ortmann, Leiterin der Abteilung Gesundheit und Altenhilfe beim hiesigen Diözesan-Caritasverband, legte mit ihrem Verband gar Einspruch gegen die für den Sommer geplante Öffnung des Ausbildungsganges für Hauptschüler ein: „Fachkompetenz ist wichtig und eine auf den Patienten ausgerichtete ganzheitliche Pflege erfordert sehr viele intellektuelle Fähigkeiten.“ Dies gelte insbesondere auch für den psychiatrischen Bereich, wo das Personal mit den Patienten verhandeln müsse und im Modell der Bezugspflege, wo unterschiedliche Fachdisziplinen patientenorientiert zusammen arbeiten, bekräftigte Monika Seewald Pflegedirektorin der Paderborner LWL Klinik für Psychiatrie.
Nachwuchssorgen brauchte sich Pflegedirektor Klaus Niggemann bislang nicht zu machen, von den 25 Absolventen der Krankenpflegeschule werden jedes Jahr etwa zehn übernommen, doch gerade in ländlichen Region wie dem Sauerland sei es zunehmend schwierig, gutes spezialisiertes Personal beispielsweise für die Intensivpflege zu gewinnen. Monika Seewald bestätigte einen entsprechenden Bewerbermangel in den Sommermonaten, da das Gros der Absolventen im Oktober auf den Markt strömt. Nur das Brüderkrankenhaus bildet in der Region auch zum 1. April aus.
Einig war man sich im Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit – und zwar auf Augenhöhe – zwischen Ärzteschaft und Pflegenden. Doch die Ideen und Vorstellungen zur Ausgestaltung dieser Zusammenarbeit könnten unterschiedlicher nicht sein. Während sich der Mediziner fragt, warum eine examinierte Krankenschwester Essen austeilt und Betten macht, würde Roswitha Kuhlbrock diese Tätigkeiten nicht an Serviceassistenten abgeben wollen, um überhaupt noch die Möglichkeit zu haben, den Patienten zu beobachten und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Dem kann Klaus Heckmann, Geschäftsführer des Caritas Altenzentrum Hövelhof e.V. Haus Bredemeier nur zustimmen. Bei zunehmendem Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand wegen des DRG-Systems und der sinkenden Verweildauer werde die pflegerische Leistung heute vernachlässigt. Zudem betrage die Fachkraftquote im Altenpflegebereich nur noch 50% und solle sogar nach Wünschen der Politik um weitere zehn Prozentpunkte herabgesetzt werden.
Besinnung auf die Kernkompetenzen
Doch wie kann die von allen ersehnte Neuorganisation der Pflege aussehen? Auf der fachlichen Ebene könnte die Prozessoptimierung ein Weg sein, der aber „multiprofessionell“ im Dialog zwischen den Berufsgruppen beschritten werden muss.
Konsens ist auch, dass sich die Pflege zunächst einmal professioneller berufsständisch organisieren müsste, sind doch nur 10% aller Pflegenden Mitglied in einem Berufsverband. Ein positiveres Selbst- und Fremdbild (Warum werden Schwestern immer mit Vornamen angeredet, Ärzte hingegen mit Titel und Nachnamen fragt sich Matthias Hansjürgens.) und die damit einhergehende Stärkung des Selbstbewusstseins garantieren langfristig die Erreichung akzeptabeler Rahmenbedingungen. Nicht durch die ohnehin haftungsrechtlich umstrittene Übernahme medizinischer Tätigkeiten, wie die viel zitierte Blutabnahme, sondern durch eine Besinnung auf die pflegerischen Kernkompetenzen, geht der Berufsstand gestärkt in die Zukunft und kann entscheidend zur Lösung der kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen.